Solche Szenen
kennen die Pflegekräfte im Seniorenzentrum Benrath zur Genüge:
Ein alter Herr verlässt das Zentrum und will nach Hause. Er geht -
mal mit, mal ohne Koffer - einfach drauflos, immer weiter. Irgendwann hat
er vergessen, warum er losgegangen ist. Der alte Herr wird nie zu Hause
ankommen, denn er hat keins mehr. Er ist dement, hat vergessen, dass er
im Seniorenzentrum lebt, dass man sich dort um ihn kümmert. "Wir können
und dürfen ja nicht hinter den Leuten herlaufen und sie festhalten",
sagt Heimleiter Richard Neureither. Schließlich sind es freie Menschen
mit vollen Bürgerrechten.
Um
zu vermeiden, dass die Polizei mal wieder auf die Suche nach einem Verschwundenen
losgeschickt werden muss, hat Franz-Josef Göbel, Ex-Sozialdezernent
und Vorsitzender des Hilfevereines "Alte Löwen", jetzt mit Hilfe der
Rheinbahn eine auf den ersten Blick skurrile Idee umgesetzt: Vor dem Benrather
Heim (und gleichzeitig vor dem Seniorenzentrum Gallberg) wurde eine Bushaltestelle
eingerichtet. Nur: Hier wird nie ein Bus halten.
"Das
klingt komisch", gibt Göbel zu. Aber es hilft. Wie, erklärt Neureither:
"Unsere Bewohner sind im Schnitt 84 Jahre alt. Das Kurzzeitgedächtnis
funktioniert kaum noch, aber das Langzeitgedächtnis ist noch aktiv.
Sie können sich zum Beispiel an das grüne |
"H" auf gelbem
Grund der Bushaltestellen erinnern und wissen, wenn man da wartet, kommt
ein Bus. Mit dem kann man nach Hause fahren."
Also,
so das Kalkül, wenn mal wieder ein Heimbewohner "nach Hause" will,
wird er sich auf die Bank direkt vor der Haltestelle setzen - und warten.
Neureither: "Dann gehen wir zu ihm und sagen zum Beispiel, dass der Bus
heute später kommt." Was ja tatsächlich bei der Rheinbahn auch
schon mal vorgekommen sein soll ... "Dann bieten wir an, erst mal einen
Kaffee zu trinken. Wir gehen rein, und nach spätestens fünf Minuten
weiß der Bewohner gar nicht mehr, dass er gerade noch weg wollte."
Franz-Josef
Göbel hatte "irgendwo gelesen", dass so etwas funktioniert. Nach Gesprächen
mit Ärzten und Pflegern war man sich einig, den Versuch zu wagen.
Göbel konnte die Rheinbahn gewinnen, die beiden Schilder für
die Phantom-Haltestelle zu spenden. "Damit haben wir einen Weg gefunden,
die Gefühle der Bewohner ernst zu nehmen", sagt Neureither. Für
sie sei es eine große psychische Entlastung, ihrem inneren Drang,
etwas zu tun, nachgeben zu können. Auch wenn der Bus nach Nirgendwo
fährt.
WZ, 15. Februar
2008 |