Rheinbahnsprecher
Georg Schumacher gibt zu, dass er im ersten Moment etwas gestutzt hat,
als er die Anfrage nach der "Phantomhaltestelle" an das Nahverkehrsunternehmen
herangetragen wurde. Wozu braucht man eine Bushaltestelle, von der niemals
ein Bus abfährt? So lautet die Frage. "Aber wenn man mal kurz darüber
nachdenkt, macht es in diesem Falle sogar Sinn", erzählt Schumacher.
Und dieser Fall sind die Seniorenzentren Am Gallberg und Benrath an der
Kolhagenstraße.
"80
Prozent unserer Bewohner sind an Demenz erkrankt. Es passiert immer wieder,
dass einer von ihnen nach Hause möchte. Also dahin, wo er früher
einmal gelebt hat", erzählt der Leiter des Seniorenzentrums Richard
Neureither. Oder sie wollen die Kinder vom Bus abholen, oder selbst zur
Arbeit fahren. Dann muss oft genug die Polizei eingeschaltet werden, um
die verwirrten "Heimgänger" wieder "einzufangen". Bis nach Ratingen
schaffte es ein Benrather Demenzpatient bereits. "Mit öffentlichen
Verkehrsmitteln ist er quer durch Düsseldorf gefahren", so Neureither.
Mit Gewalt den Weg in die Vergangenheit des Patienten zu unterbinden, ist
keine Lösung. Den Demenzpatienten wird ihr Wille gelassen. "Die
Leute zu überreden bringt nichts. Sie leben in ihrer Welt", so Neureither.
Und
genau da kommt jetzt die "Phantomhaltestelle" an der Kolhagenstraße
ins Spiel. Die Mitarbeiter können jetzt die Patienten zum Bus begleiten,
sie beruhigen. Wenig später kann den Wartenden erklärt werden,
dass der Bus erst in zehn Minuten kommt und sie doch noch einen Kaffee
im Gebäude trinken könnten. "Ablenkung, sie auf andere Sachen
aufmerksam machen, ist häufig das Beste. Dann haben die Heimbewohner
auch schnell ihr Bedürfnis, |
nach Hause zu
gehen, vergessen", so Neureither.
Die
Initiative zu der "Phantomhaltestelle" ging von den "Alten Löwen",
einem Förderverein zur Hilfe für die Ältesten in Düsseldorf,
aus. "Wir haben diese Idee irgendwo aufgeschnappt und sie der Heimleitung
vorgeschlagen. Schnell war klar, dass wir das umsetzen", erläutert
"Alte-Löwen-Vorsitzender" Franz-Josef Göbel. Damit es auch möglichst
authentisch ist, stieg die Rheinbahn mit ein. Das große grüne
H auf dem gelben Grund kennen Demenzkranke von früher. "Wenn auch
nur einer an der Haltestelle sitzen bleibt und wir nicht die Polizei holen
müssen, hat es sich schon gelohnt", so Neureither. Gerüchten,
dass die "Phantomhaltestelle" jetzt das neue Geschäftsmodell der Rheinbahn
ist, trat Schumacher glaubhaft entgegen.
INFO
Demenz
Eine Demenz
(lat. dementia "ohne Geist") ist ein Defizit in kognitiven, emotionalen
und sozialen Fähigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung
von sozialen und beruflichen Funktionen führen. Am Anfang
der Erkrankung stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und
der Merkfähigkeit, dagegen ist das Langzeitgedächtnis noch länger
aktiv. Die Folge: Menschen mit Demenzerkrankungen leben in einer längst
vergangenen Zeit. Bei Fragen zu Demenzerkrankungen erteilt das Demenz-Servicezentrum
in den Räumen des Pflegebüros, Kölner Straße 186,
Telefon 8 92 22 28, email: demenz-servicezentrum@stadt.duesseldorf.de,
www.duesseldorf.de/demenz, Auskunft. |
Rheinische Post,
15. Februar 2008 |